Allerheiligen: Heilige = Konspirative Fährtenleser der Spuren Gottes

heilige.jpgWieso brauchen Protestanten eigentlich keine Heiligen? Gestern noch Reformationstag, heute Allerheiligen. Die Frage ist berechtigt. Es lebt sich ja auch ganz gut ohne Heilige. Allerdings: Die Menschen suchen zu allen Zeiten. Sie suchen nach Orientierung, eine Antwort auf die Sinnfrage, sie suchen – ab und an – auch Gott. Das verbindet uns mit allen Jahrhunderten. Die, von denen die katholische Kirche behauptet, sie hätten Antworten gefunden, nennen wir Heilige. Sie waren Spurensucher. Fährtenleser der Spuren Gottes. Aber ihre Suche zeigt das Auf und Ab, offenbart Glaube und Zweifel. Sie akzeptierten ihr Schicksal, etwa Verspottung und Verfolgung, und kämpften auch dagegen an. Sie haben lichtvolle Momente der Klarheit und doch auch „dunkle Nächte“ wie Johannes vom Kreuz und manchmal dunkle Vorgeschichten wie Ignatius von Loyola. Sie sind geprägt und erfüllt von tiefer Glaubensmystik wie Hildegard von Bingen, und doch kennen sie auch die Gottleere wie Franz von Assisi oder Mutter Teresa. Aber – vom Himmel herab – stellen sie uns heute die Frage: Wonach suchst du? Was ist dein Lebensziel?

Brauchen das Protestanten nicht? Doch! Und sie tun es! In Martin Luther sehen sie als kritischem Denker der Vernunft ebenso ein Vorbild wie in Dietrich Bonhoeffer als Widerstandskämpfer gegen die Nazidiktatur. Martin Luther King ist für sie ein politisches Befreiungsvorbild, in Gerhard Terstegen sehen sie einen genialen Mystiker ebenso wie in Frère Roger Schütz, dem Gründer der Gemeinschaft von Taizé einen Glaubenszeugen, der selbst im Tod, im brutalen Mord, den man an ihm verübte, die Versöhnung im Herzen trug und lebte. Es ist an uns Katholiken, von den Protestanten etwas zu lernen! Es geht nicht darum, die Heiligen auf einen Sockel zu stellen! Ich denke an Sr. Rosa Flesch, die Gründerin der Waldbreitbacher Franziskanerinnen. Was hat man sie zu Lebzeiten in die Ecke gestellt, ihr Lebenswerk missachtet, sie im eigenen Orden gemobbt. Und jetzt, jetzt macht man aus ihr eine Heilige, eine Sockelfigur!

Das Evangelium vom heutigen Festtag (Matthäus 5,1-12a) gibt uns Anhaltspunkte der Spuren und Fährte Gottes. Die Seligpreisungen zeigen uns, wo wir Schwerpunkte setzen können. Es muss uns als Christen darum gehen, schlicht und einfach zu bleiben. Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit müssen unser Dasein erfüllen. Barmherzigkeit im Umgang mit uns selbst und mit anderen muss die oberste Leitlinie sein. Friedensstifter sollen wir sein, Mediatoren Gottes zwischen den Menschen! Und: Wir müssen es aushalten, dass andere uns deshalb belächeln.

In diesen Punkten waren die Heiligen tatsächlich Vorbilder. Ganz unterschiedlich. Keiner hat alles erfüllt, keiner von ihnen war vollkommen. Aber wichtig ist das: Nicht auf einen Sockel zur Anbetung sollten wir sie stellen oder mit ein paar Kerzen versorgen, sondern neben uns, als konspirative Spurensucher und Fährtenleser Gottes. Neben uns gehören sie, an unsere Seite, als Schwestern und Brüder im Glauben. Sie können uns inspirieren mit ihren Erfahrungen und ihrem Leben. Wir wissen oft viel zu wenig von ihren Kämpfen und ihrem Suchen. Schauen wir hin, nicht zu ihnen hinauf!

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